Brecht und seine Komponisten

Von Fritz Hennenberg

 

Die Identifikation mit Brecht sei „weitgehend nostalgisch" geworden, heißt es im Vorwort. Wie dem auch sei ‑ als Stein des Anstoßes ist Brecht allemal gut. Zu seinem 100. Geburtstag wurde eine Tagung über das kontrovers diskutierte Thema „Brecht und die Musik" veranstaltet; der nun vorliegende Band versammelt die Texte der Referate.

 

Die Polemik entzündet sich in der Regel daran, wer denn nun bei der Zusammenarbeit der führende Partner war. Brecht hat sich nie bloß als Lieferant von Texten verstanden. Mit gutem Gespür suchte er sich seine Komponisten aus und beeinflußte sie zuweilen bis ins Detail. Leider wird Brechts Musikalität nur am Rande gestreift; das Thema hätte erwarten lassen, daß man Genaueres darüber erfährt. In der Regel wird sein Einfluß kräftig beschnitten. Einzig Tilo Medek, selber Komponist, stellt sich dagegen und notiert, unerschrocken, daß die Komponisten mit Brecht „besser" wurden, gar über sich selbst hinauswuchsen.

 

Für Giselher Schubert ist Paul Hindemith politisch klüger als Brecht, weil er sich nicht in die Politik einmischte und sich mit seiner Kunst beschränkte. Beachtlich ist auch Brechts Interesse an Hindemith, auch die enge Art der Zusammenarbeit; zwischen 1928 und 1930 sind sie viele Male ‑ wesentliche Ergänzung zur Brecht‑Chronologie! ‑ in Hindemiths Berliner Wohnung zusammengekommen. Trotz der Differenzen nach dem Badener Lehrstück hat sich Brecht für Hindemith weiter interessiert, sogar auch in der DDR, wo er ihn „vernachlässigt" und „unterdrückt" fand.

 

Kim H. Kowalke, Präsident der Kurt Weill Foundation, ist verdächtigt worden, durch die Genehmigung einer Aufführung von Brecht/ Weins Die sieben Todsünden mit der Carmina burana Steigbügelhalter eines „Nazis" zu sein. Er spürt den Brecht‑Beziehungen Orffs nach und stellt fest, daß ‑ überraschend genug ‑ die umstrittene Carmina burana in ihrer Faktur stracks aus Orffs Brecht‑Kantaten von 1930/31 hervorgegangen sind. Auch wird der Einfluß des Lehrstücks für Orffs Aufführung der Lukaspassion (und darüber hinaus) nachgewiesen. Orff habe seinerzeit in München Proben des Jasagers besucht. Es war sogar ‑ so sei ergänzt ‑ mehr als das: Er hat den Jasager selber am Pult geleitet und sein Freund Werner Egk hat nicht nur die Projektionen beigesteuert, sondern auch in einer Ansprache eine dezidiert politische Ausdeutung gegeben. Brecht hat sich 1952 vergeblich bemühe, Orff als Mitarbeiter zu gewinnen. Über den gemeinsamen Freund Caspar Neher wusste er sehr wohl über die. Vergangenheit Orffs Bescheid: Mit einem „Nazi" hätte er sich nicht abgegeben.

 

Weilt und Brecht: eine brenzlige Sache. Da ist in der Regel von finanzieller Übervorteilung durch Brecht die Rede und von seiner politischen Anmaßung. Ein Blick auf die Tantiemeneinkünfte dürfte zeigen, wie gut Weilt mit Brecht gefahren ist. Und links stand er in den zwanziger Jahren ohnehin. Wie es inzwischen gang und gäbe ist, wird auch in den Referaten von Michael H. Kater und Jens Malte Fischer Gift in die Beziehung geträufelt. Fischer meint, daß Weills Musik zu Happy End mit Elisabeth Hauptmann und Brecht (dieser zeichnete nur für die Songs) „nicht mehr viel zutun" habe; das spätere Scheitern der Zusammenarbeit sei „hier bereits präformiert".

 

Albrecht Dümling, Jost Hermand und Claudia Albert beschäftigen sich mit Hanns Eisler. Gerechterweise stellt Dümling die enge Wechselbeziehung heraus: Für Brecht war Eisler ein willig akzeptiertes, sogar gewünschtes kritisches Regulativ. Überdies fungierte er (in Eislers eigenen Worten) als „Bote der Arbeiterbewegung". Hermand weist die Spiegelung der „Volksfront"-Strategie in der musikalischen Faktur der Deutschen Sinfonie nach, die ‑ im Gegensatz zu Brechts Texten ‑ strikt an der Konfrontation des Klassenkampfes festhält. Eislers Rückgriff auf die vom orthodoxen Marxismus als „spätbürgerlich" denunzierte Zwölftontechnik kann gleichsam als eine Versöhnungsgeste gelten. Allerdings sucht Eisler die „Technik" von der „Expression" zu trennen; und wenn Hermand das Werk als „mißtönend, expressiv und dissonanzenreich" bezeichnet, läßt er eben dies außer Acht und geht von einem subjektiven Eindruck aus. In Wahrheit herrschen milde Dissonanzen vor, und das metrische Gefüge insbesondere zeigt sich stabil und setzt auf vertraute, sogar populäre Gesten. Claudia Albert berührt in ihrem Beitrag Eislers Brecht‑Beziehung nur am Rande und spricht ein heikles, bisher kaum verfolgtes Thema an, nämlich den Widerspruch zwischen seinem Postulat eines progressiven Materialstands und der tatsächlich von ihm befolgten Praxis. Er zog sich auf die Position ehrwürdiger handwerklicher Meisterschaft zurück, pries seinen Lehrer Schönberg aus diesem Blickwinkel und hatte für die jungen Komponisten der Darmstädter Schule, die den Materialstand voranbrachten, nur Hohn und Spott übrig. Dabei hätte er doch wenigstens Luigi Nono, der zeitig die avancierten Techniken mit linken politischen Stoffen verband, ausnehmen müssen!

 

Frank Schneider stellt in seinem resümierenden Beitrag über Paul Dessau fest, daß er „wahrscheinlich am meisten und intensivsten" von Brecht beeinflußt gewesen sei. Doch muß Dessau hier auch tüchtig Kritik einstecken. Zwei seiner Hauptwerke, Der Herrnburger Bericht und das Musikepos Die Erziehung der Hirse (ein „Kantaten‑Ungetüm"), zählten ‑ so Schneider zu seinen „schwächeren Leistungen". Dabei hing Dessau an diesen Partituren, die politische Agitationsstücke waren, aber artifiziell gearbeitet und in der DDR von Anfang an verdächtigt und schließlich geächtet, besonders und erhoffte sich ihre Reaktivierung. Noch weiter geht Tilo Medek, der am Rande seines Beitrags über Rudolf Wagner Regeny den „synagogalen Jammerton vieler Dessau‑Lieder" beklagt.

 

Auf Benjamin Britten hatte Brecht keinen persönlichen Einfluß, aber‑ wie Guido Hcldt meint ‑ „der Arm des Dichters ist lang". Seine Vertonung des Kinderkreuzzugs habe Britten selbst als für sein Komponieren ungewöhnlich empfunden. Dies sei ‑ so Heldt ‑ „ein herbes und ungefälliges Stück", man könne darin die „Verkehrung der ,natürlichen` Verhältnisse, ihr Aus‑den‑Fugen‑Geraten" wiederfinden.

 

Es sollen noch zwei Ausrutscher angemerkt werden. Brechts Lehrstück Die Mutter als „Musical" zu bezeichnen, geht doch wohl nicht an. Und Hans Curjel war keineswegs der Dirigent der Uraufführung des Songspiels Mahagonny in Baden‑Baden noch überhaupt je einer. Er wirkte als Dramaturg an der Berliner Kroll‑Oper und hat in den dreißiger Jahren das Songspiel für Tourneeaufführungen inszeniert; in Baden‑Baden war er nicht beteiligt. Es sei hier aber eine andere Spur aufgezeigt.

 

Es gibt ein oft reproduziertes Foto des Mahagonny‑Ensembles, mit dem Leipziger Operndirektor Walther Brügmann prominent vorn in der Mitte. Er hat die anderen Kurz‑Opern an jenem Abend betreut und später in Leipzig das große Mahagonny herausgebracht. Ob er wohl seine Hand mit im Spiele gehabt hat?

 

Brecht und seine Komponisten. Herausgegeben von Albrecht Riethmüller. Laaber: Laaber‑Verlag 2000. 223 S. DM 48.‑.

 

Aus: Dreigroschenheft 1/2001