Hanns Eisler möchte ein Künstler sein
auch für
die anderen. Er war neugierig auf Mitmenschen. Er war ein sehr
geselliger Mensch, der bezaubern und verzaubern konnte. Er war auch, im
Gegensatz zu seinem Lehrer, ein idealer Partner beim Entstehen eines
Gemeinschaftskunstwerks.
Daher Eislers Faszination durch das Komponieren für den Film, für das Theater.
Für Chöre. Für den politischen Song. Für den Versuch, auch die Natur als
Kunstwerk
zu verstehen. Zum Beispiel den Regen.
Arnold Schönbergs Kunst ist
stets entstanden aus einer leibhaften, doch gewollten Einsamkeit. Hanns Eisler
war in unserem Jahrhundert ein Meister der künstlerischen Gemeinsamkeit. Diese
Antinomie zwischen Lehrer und Schüler duldete keine Zwischenlösung. Je mehr ich
als Zeitgenosse dieses Jahrhunderts darüber nachdenke, um so mehr gemahnt mich
die Konstellation Schönberg und Eisler an das Verhältnis von MOSES UND ARON in
Schönbergs großartiger Oper. Das Werk ist unausschöpfbar. Zwei vorzügliche Sachkenner
jedoch kamen zu völlig antagonistischen Deutungen. Pierre Boulez stellt sich an
die Seite des Moses und seiner Einsamkeit. Moses spricht bei Schönberg, doch
sein Sprechen ist ein genau notierter Sprechgesang. Stets am Rande des
fehlenden Wortes, also am Rande des Schweigens. Der Hohe Priester Aron ist eine
Tenorpartie. Auch an ihn erging, wie an den Propheten Moses, der göttliche
Anruf durch die Stimme im brennenden Dornbusch. Auch er soll zusammen mit dem
Bruder die Botschaft der Humanität unter den Menschen verkünden. Das glaubt er
nur durch den Kompromiß erreichen zu können. Kein Götzendienst natürlich, doch
ein kleines goldenes Kalb könnte nicht schaden. Der Interpret Michael Gielen
entschied sich für den Aron. Ein kurzer, im Grunde wirrer dritter Akt, den
Schönberg niederschrieb, ist niemals komponiert worden. Plötzlich hat Moses
gesiegt, und Aron ist sein Gefangener. Allein das ist ein Hirngespinst Arnold
Schönbergs. Es ist keine künstlerische Wahrheit, und er dürfte es gewußt haben.
Beides sind Möglichkeiten eines
Künstlertums in diesem Jahrhundert. Moses und Aron. Arnold Schönberg und Hanns
Eisler. Vielleicht ist es eine historische Ironie, wenn ausgerechnet der junge
Pierre Boulez die Botschaft verkündet hatte: Schönberg ist tot. Allein
die Musik dieses großen Lehrers, den sein Schüler geehrt hat, weil er kein Hund
sein wollte, ist wirkend wie je. Auch Hanns Eisler ist längst aus dem großen
Schatten getreten.
Aus Hans Mayer: „Der Zeitgenosse Hanns Eisler“. Festvortrag in der Akademie der Künste Berlin zum EislerFest 1994. Vollständig abgedruckt in Hanns Eisler der Zeitgenosse. Positionen – Perspektiven. Materialien zu den Eisler-Festen 1994/95. Im Auftrag der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft e.V. hgg. von Günter Mayer. Deutscher Verlag für Musik Leipzig 1997