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Lexikonartikel über Hanns Eisler

Auszug aus dem Artikel "Hanns Eisler" von Johannes C. Gall im Komponistenlexikon (2. Auflage, Metzler, 2003)

Das musikalische Schaffen Hanns Eislers präsentiert sich in einer kaum überschaubaren stilistischen Vielfalt. Bestrebungen, vor allem in einem bestimmten musikalischen Typus oder nur in exemplarischen Werken den ›eigentlichen Eisler‹ erkennen zu wollen, müssen ihn insofern notwendig verfehlen.

Wohl distanzierte Eisler sich gegen Ende der zwanziger Jahre von der ästhetischen Haltung eines ›l’art pour l’art‹ und unterstellte sein musikalisches Schaffen gesellschaftlichen Zwecken. Als Marxist erblickte er diese Zwecke im Klassenkampf, den Interessen des Proletariats sowie dem Aufbau und Wohlergehen einer sozialistischen und schließlich kommunistischen Gesellschaft. Die musikalischen Mittel solchen Zwecken anzupassen bzw. diese Mittel überhaupt erst zu finden betrachtete Eisler als seine vorrangige kompositorische Aufgabe.

Sein gesellschaftlicher Anspruch und die musikalischen Lösungen, die Eisler fand, haben denn auch mehr als alles andere ihn und sein Werk unter der Losung ›politische Musik‹ in die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts eingehen lassen. Ausgerechnet diejenigen aber, die sich die politischen Zwecke, für die Eisler einstand, auf ihre Fahnen geschrieben hatten, […] begegneten ihm oftmals mit einer allzu engen Auffassung. Wurde er vor allem als Komponist einflussreicher Massen- und Kampfmusik in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren, als kongenialer Mitarbeiter Bertolt Brechts und als musikalischer Urheber der DDR-Nationalhymne […] hoch geschätzt – bzw. von der Gegenseite diffamiert – so wollte man den Musterkomponisten überdies auf ästhetische Kategorien wie ›realistisch‹ oder ›antiformalistisch‹ festlegen – Kategorien, denen Eisler in ihrer doktrinären Form mit Skepsis gegenüberstand und deren problemlose Anwendbarkeit auf Musik er bezweifelte. So geriet schon zu Eislers Lebzeiten ein wesentlicher Teil seines kompositorischen Schaffens ins Abseits und in Vergessenheit. […]

Auszug aus dem Artikel "Eisler, Hanns" von Thomas Ahrend in Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG, Bärenreiter, 2001)

Eisler, Hanns (eigentl. Johannes), geb. am 6. Juli 1898 in Leipzig, gest. am 6. September 1962 in Berlin, Komponist. – Eisler, Sohn des Philosophen Rudolf Eisler (1873-1926), wuchs seit 1901 in Wien auf […] 1916 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen; aus der Kriegszeit (1917) stammen auch die ersten erhaltenen Kompositionen. 1919 begann er am Neuen Wiener Kons. bei K. Weigl Kontrapunkt zu studieren, wechselte aber noch im selben Jahr zum Privatunterricht bei A. Schönberg, dessen Schüler (während des Sommers 1922 auch der von A. Webern) er bis zum Frühjahr 1923 blieb. Im Apr. desselben Jahres wurde im Prager Verein für musikalische Privataufführungen seine Sonate für Klavier op. 1 durch E. Steuermann uraufgeführt. 1925 erhielt er den Künstlerpreis der Stadt Wien. Im Sept. 1925 siedelte Eisler nach Berlin über […]. Seit 1926 engagierte sich Eisler zunehmend innerhalb der Arbeiterbewegung. 1927 begann er, Artikel für die Zeitschrift Rote Fahne zu schreiben sowie bei der Agitproptruppe Das rote Sprachrohr mitzuarbeiten. Seit 1928 hielt Eisler Vorträge an der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH). 1929 begegnete Eisler dem Schauspieler und Sänger Ernst Busch (1900-1980), der viele seiner Lieder auf politischen Veranstaltungen vortrug […]. Im selben Jahr begann die Zusammenarbeit mit B. Brecht, zu dessen Lehrstück Die Maßnahme, der Gorkij-Adaption Die Mutter und dem Film Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? Eisler jeweils die Musik beisteuerte.

Nach der ‘Machtergreifung‘ der Nationalsozialisten 1933 hielt sich Eisler abwechselnd in Österreich, Frankreich, Dänemark, England, Spanien, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion auf. 1935 unternahm Eisler auch erste Reisen in die USA: Von Okt. 1935 bis Frühjahr 1936 unterrichtete er in New York an der New School for Social Research. 1936 kehrte Eisler zunächst nach Europa zurück, ging aber im Jan. 1938 wieder in die USA, wo er erneut an der New School unterrichtete. Am Kons. von Mexiko Stadt – Visaprobleme zwangen ihn zwischenzeitlich nach Mexiko auszureisen – hielt er von Apr. bis Aug. 1939 einige Kurse. 1940 erhielt Eisler von der Rockefeller Foundation Mittel zur Durchführung eines zweijährigen Filmmusikprojektes (“Research Program on the Relation between Music and Films”) an der New School. 1942 siedelte Eisler von New York nach Hollywood über, wo er als Filmmusik-Komponist Fuß faßte. 1943 wurde die Musik zu Hangmen Also Die, 1944 die zu None but the Lonely Heart für den Oscar der Academy of Motion Picture Arts and Sciences nominiert. […]

1947 wurde Eisler vom House Committee on un-American Activities in Washington verhört und schließlich 1948 unter zahlreichen Protesten (u.a. von L. Bernstein, Ch. Chaplin, A. Copland, A. Einstein, Th. Mann und I. Stravinskij) aus den USA ausgewiesen. Eisler gelangte Ende März 1948 über London und Prag nach Wien. 1949 siedelte er nach Berlin(Ost) über. Seine Vertonung eines Gedichtes von Johannes R. Becher (“Auferstanden aus Ruinen”) wurde zur Nationalhymne der neugegründeten DDR. 1950 erhielt er am Staatlichen Kons. Berlin (später: Deutsche Hochschule für Musik, seit 1964: Hochschule für Musik “Hanns Eisler”) eine Professur für Komposition. Im selben Jahr wurde Eisler Mitglied der Deutschen Akad. der Künste, an der er eine Meisterklasse für Komposition leitete […]. Zu Eislers Schülern gehörten u.a. E. H. Meyer, M. Doran, A. Asriel, W. Hohensee, G. Kochan, R. Bredemeyer, D. Blake, G. Katzer und S. Matthus.